Inklusive, gegenderte oder auch geschlechtergerechte Sprache

Aktuell gibt es wieder einen Aufschrei (#aufschrei ?) unter KollegInnen, weil in Österreich ein Offener Brief an Bildungs- und Frauenministerin Heinisch-Hosek und Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Mitterlehner veröffentlicht wurde, der die “Rückkehr zur sprachlichen Normalität” fordert und ~800 Unterzeichner aus Wissenschaft, Lehre, Justiz und den freien Künsten gefunden hat. Tatsächlich ist inklusive, oder auch gegenderte bzw. geschlechtergerechte Sprache ein relativ junges (erst seit den 1970ern!) normatives Sprachprojekt mit oft ideologisch statt sachlich geführter Argumentation, so wie bei anderen (Anti-)Diskriminierungs-Debatten auch. Fest steht: Die EU hat ihre Mitgliedstaaten auf Antidiskriminierungskurs gebracht, in Deutschland ist dies das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, in Österreich  das Bundes-Gleichbehandlungsgesetz, und auch in vielen Unternehmen wird inzwischen nicht nur bei Ausschreibungen auf gendergerechte Sprache geachtet. Mehr dazu auch in der Wikipedia.

Als Übersetzer muss ich hier zunächst klarstellen: Was der/die KundIn will, das bekommt er/sie auch. Wenn der Originaltext geschlechtergerecht geschrieben ist, wird sich dieser Politolekt standardmäßig auch im Zieltext wiederfinden. Genauso können KundInnen mich jederzeit darum bitten, Texte bei der Übersetzung zu gendern, also geschlechtergerecht umzuformulieren (oder ein vorhandenes gendering zu entfernen oder anders zu gestalten). Ich habe KundInnen, die das Thema nicht berührt, ebenso wie KundInnen, die es als Priorität ansehen.

Wenn Sie sich damit noch nicht auseinandergesetzt haben, hier ein Überblick:

1. Möglichkeiten der inklusiven Sprache

Texte können auf mehrere Arten geschlechtergerecht formuliert werden. Das Ziel ist entweder, das Geschlecht unsichtbar (geschlechterneutral) zu machen oder im Gegenteil die Geschlechterdualität sichtbar hervorzuheben. Möglich sind zum Beispiel:

  • Geschlechterneutrale Formen, die aktive oder passive Partizipien eines entsprechenden Verbs statt des Nomens nutzen, z.B. “Studierende” statt “Studenten”, “Angestellte” statt “Arbeitnehmer”. Auch das Ausweichen auf Funktionsbezeichnungen (-kräfte, -personen, -personal) oder Institutionen als totum pro parte für die dort arbeitenden Menschen (das Direktorat) sind Möglichkeiten der Neutralisierung. Neutralisierung und Umgehung sind die unauffälligsten und leserfreundlichsten Änderungen.
  • Doppelnennungen, also das explizite hinzufügen von femininen Formen zu jedem “generischen Maskulin”, z.B. “Bürger und Bürgerinnen”. Diese Form findet sich insbesondere in der politischen und Amtssprache.
  • Mischformen, also feminisierende Wortumbildungen, darunter das sogenannte Binnen-I in “KundInnen” statt “Kunden und Kundinnen”, die Schrägstrich-Variante “Kunden/-innen” bzw. “Kunden/innen”, der Gender Gap “Kunden_innen” oder die Klammer-Variante “Kund(inn)en”. Diese werden nur für kurze Texte empfohlen, weil sie zwar platzsparend sind, aber die Lesbarkeit deutlich verringern. Die Schrägstrichvariante ist die amtlich gebrauchte, die Klammervariante wird teils als abwertend empfunden.
  • Hochstellungen, also typografisch abgesetzte Femininendungen, besonders bei Abkürzungen: “Dr.in“.
  • Attribute, die besonders bei Stellenausschreibungen verbreitet sind: “Wir suchen einen Elektroingenieur (m/w)”, bzw. “Wir suchen einen männlichen oder weiblichen Elektroingenieur.”
  • Weglassen von nicht zwingend nötigen Informationen, z.B. “Unterschrift” statt “Unterschrift des Antragstellers” oder direkte Anrede, z.B. “Ihre Unterschrift” statt “Unterschrift des Antragstellers”.

Der oben verlinkte Wikipedia-Artikel verzeichnet noch mehr Möglichkeiten und verweist auch auf den weiterführenden Leitfaden “Mehr Frauen in die Sprache” der schleswig-holsteinischen Justiz-, Frauen-, Jugend- und Familienministerin F. Braun. Auch die Uni Potsdam hat 2013 einen entsprechenden Leitfaden veröffentlicht, ebenso wie die Uni Köln den ihren. Auszüge aus der Pro/Contra-Debatte folgen:

2. Für inklusive Sprache spricht (nicht?), dass …

  • Sprache ein Spiegel der Gesellschaft ist, aber auch auf die Gesellschaft zurückwirken kann: Wie Menschen kommunizieren, so beginnen sie zu denken. Der Übersetzer wird hier anmerken, dass aus dem selben Grund möglichst viele Sprachen auf der Erde zu erhalten sind, denn dann können vielfältigere Gedanken gedacht werden. FeministInnen sehen Frauen als fortwährend unterrepräsentiert an. Gendergerechte Sprache kann eine wirksame Strategie sein, dies in den Köpfen zu ändern und Frauen gleichberechtigt neben Männer zu stellen. Gegenargument: Auch in Ländern mit Sprachen, die kein grammatisches Geschlecht kennen, gibt es starke soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern – es existiert also kein stichhaltiger Zusammenhang zwischen Sprachverwendung und gesellschaftlicher Realität.
  • alle, die gemeint sind, sich auch angesprochen statt diskriminiert fühlen. Gegenargument: Ob man sich “gemeint fühlt”, ist eine persönliche Entscheidung. Wenn einzelne Frauen sich entgegen der vorherrschenden Konsensmeinung nicht angesprochen fühlen wollen, ist das ihr persönliches Problem.
  • es ein Zeichen von Respekt und Höflichkeit ist, Frauen ebenso anzusprechen wie Männer. Tatsächlich ist es sogar sehr höflich, weil die Etikette bei der Nennung beider Geschlechter verlangt, dass Frauen zuerst genannt werden (“Sehr geehrte Damen und Herren“).
  • sie ganz einfach gesetzlich vorgeschrieben sein kann, z.B. in Stellenausschreibungen und in staatlichen Institutionen.

3. Gegen inklusive Sprache spricht (nicht), dass …

  • die deutsche Sprache historisch gewachsen ist und man nicht “von oben” darin herumpfuschen sollte. Zum Einen bedeutet dieses Argument auch, dass Sprache fortwährend weiterwächst und es vollkommen legitim ist, sie zu verändern und neuen Gegebenheiten anzupassen. Zum Anderen verweist dies eher auf die Diskussion, die es auch um die “Rechtschreibreform” gab (wie Andrea Schaffar gut erkannt hat): Verändert sich die Sprache unterbewusst und organisch, oder wird ein regulatorischer Zwang wahrgenommen, der vollkommen natürliche Gegenreaktionen auslöst?
  • das generische Maskulinum selbstverständlich Frauen “mitmeint”. Leider ist dies in soziologischen und sprachwissenschaftlichen Studien widerlegt worden: Wer “Chirurgen” hört, denkt nachweisbar zuerst an Männer statt an eine gemischte Gruppe. Über einen solchen Nachweis berichtete schon im Dezember 2011 der scharfsinnige Sprachblogger Anatol Stefanowitsch, der auch auf den offenen Brief reagierte (in weiten Teilen lustig, auch wenn man zu Diskussionen selten beiträgt, indem man Nazis ins Spiel bringt).
  • insbesondere die Mischformen zu ungrammatikalischen (falschen) Worten führen: Wenn man das “In” in “KundIn” weglässt, bleibt nicht etwa der Kunde übrig, sondern nur “Kund”. Außerdem sieht die deutsche Grammatik Großbuchstaben in der Mitte von Worten nicht vor. Dies ist in der Tat ein Problem (aber Sprache wandelt sich, was heute falsch ist, kann morgen richtig sein).
  • der Einsatz von inklusiver Sprache zu deutlich schwerer lesbaren Texten führt – oder aber zu einem erheblichen Mehraufwand beim Verfassen von Texten, wenn alle Strategien sinnvoll kombiniert eingesetzt werden sollen, um die Lesbarkeit zu erhalten. Auch dieses Argument ist auf den ersten Blick nicht von der Hand zu weisen. Es ist aber zu vermuten, dass Autoren mit fortwährendem Gebrauch die Strategien verinnerlichen, ebenso wie die Leser ihre Lesegewohnheiten an den genderneutralen Stil anpassen werden. Alles nur Gewohnheitssache?
  • das Gendering vom eigentlichen Inhalt ablenkt und die Aufmerksamkeit zu stark auf die Genderdebatte verschiebt. Tatsächlich hängt dieser Effekt mit den eingesetzten Sprachstrategien zusammen und kann deshalb sehr stark oder kaum zum Tragen kommen. Dennoch kann man durchaus die Meinung vertreten, die im genannten Schaffar-Artikel der User Spoing vertritt: “Wenn ich von Maschinenbauern und Tiermedizinirinnen rede will ich damit die Realität abbilden. Wenn ich nun aber von MaschinenbauerInnen schreibe will ich damit gleichzeitig das Problem der mangelten weiblichen Präsenz ins Bewusstsein rufen. Sollte der Text irgendwas damit zu tuen haben dann ist es richtig. Sonst ist es aufdringlich und nervig wenn man es andauernd lesen muss.” (die Fehler im Zitat gehören zu 100% Spoing).
  • gendergerechte Sprache eben oft nicht gerecht ist, weil sie Frauen und die feministische Botschaft in den Vordergrund stellt und originär männliche Wortformen verkrüppelt. Insofern wirken Texte eben nicht mehr neutral, sondern biased. Touché.
  • eine kleinen Minderheit von 10% der Bevölkerung Sprache politisch vereinnahmen will (Argumentation des oben verlinkten Offenen Briefs!). Einerseits kann bezweifelt werden, ob diese Zahl über die ganze Bevölkerung gesehen stimmt, anderseits geben die BefürworterInnen inklusiver Sprache offen zu, dass sie den Zusammenhang von Denken und Sprache für eine gesellschaftliche Änderung einsetzen wollen. Also ja: Eine Minderheit will politische Veränderung und hat es geschafft, ihre Wünsche in geltendes Recht umzusetzen. Wenn die Mehrheit der Gesellschaft diese Änderung nicht rückgängig machen kann, dann entweder, weil ihr die Argumente fehlen oder aber, weil das Thema zu wenige berührt, als dass effektiver Widerstand aufgebaut werden müsste.
  • der Einsatz gendergerechter Sprache ein leichtes Zugeständnis ist, wenn dafür tieferliegende soziale Verhältnisse (Frauen in Führungspositionen, Gehälterdiskrepanz, …) unangetastet bleiben. Der Vorwurf stammt von den FeministInnen selbst: Gendergerechte Sprache wirke nicht und sei eine Nebelkerze! Nicht ganz von der Hand zu weisen.

4. Fazit

Es scheint ein Missverhältnis zu geben zwischen wenigen Pro-Argumenten und einer Vielzahl von Contra-Argumenten, und auf beiden Seiten können valide Gegenargumentationen aufgestellt werden. Dies ist nicht verwunderlich, denn es handelt sich letztlich nicht um eine Diskussion um Sprache, sondern um eine Diskussion um reale und postulierte Gesellschaftsmodelle, also um eine Glaubensfrage, um Ideologie (ich lade Sie herzlich dazu ein, mir mehr Pro-Argumente zu liefern als blos “Wir finden das sonst ungerecht”). Daraus folgt:

Wenngleich man in bestimmten Fällen per Gesetz dazu verpflichtet sein kann, gendergerechte und insgesamt antidiskriminierende Sprache zu verwenden, liegt die Entscheidung in der Mehrzahl der Fälle bei Einzelpersonen oder der Unternehmensführung. Der Einsatz von gendergerechter Sprache markiert in diesem Fall ein gesellschaftliches Problembewusstsein bis hin zu sozialpolitischem Engagement und kann je nach Branche positiv von Partnern, Kunden, Arbeitnehmern und der Öffentlichkeit wahrgenommen werden – oder aber als “störend” empfunden werden.

Klar ist, dass in Unternehmen eine klare Linie herrschen sollte: Entweder alle Firmenkommunikation ist gendergerecht oder es wird grundsätzlich darauf verzichtet. Die verbreitete Klausel “Frauen sind in Folge mitgemeint” richtet mehr Schaden an, als sie nützt: Sie offenbart zwar die Kenntnis der Gender-Diskussion, positioniert den Autor aber gleichzeitig im oft unattraktiven Feld des Establishments bzw. der Hegemonie anstatt beim sympathischen (?) Underdog. Wem der status quo der männlich dominierten Sprache lieber ist, weist am besten ausschließlich durch den Text an sich darauf hin, anstatt sich verschämt am Textanfang für seinen machismo zu entschuldigen. Dies gilt auch für alle, die an der Wechselwirkung zwischen Sprache und gesellschaftlicher Realität zweifeln und lieber die gesellschaftliche Realität als die Sprache ändern. Anders herum: Wer Frauenbeauftragte beschäftigt oder gar die Löhne weiblicher Angestellter an das Lohnniveau der Männer anpasst, der darf dieses Engagement auch durch inklusive Sprache in seiner Firmenkommunikation anpreisen.

Sagen Sie nur rechtzeitig Ihrem Übersetzer Bescheid, wenn die Übersetzung einen anderen Sprachmodus nutzen soll als das zugeschickte Original!

Christopher Köbel

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