Manchmal muss man auch Nein sagen.

Meine Kunden wollen einwandfreie Übersetzungen, die sie veröffentlichen können – seien es nun Anweisungen für den internen Gebrauch oder Werbetexte, die von tausenden von Partnern und Kunden gelesen werden. Aber manchmal muss man auch “Nein” sagen und das Richtige tun, damit der Kunde das bekommt, was er braucht.

Letzten Freitag kontaktierte mich ein langjähriger Kunde wegen der Übersetzung einer „Success Story“ aus dem Englischen ins Deutsche. Der Mitarbeiter gehörte zu einer Abteilung, mit der ich bislang noch nicht zu tun hatte, aber Werbetexte vom selben Typ hatte ich für dieses Unternehmen bereits übersetzt. Als ich mir aber heute Morgen den Text ansah, fielen mir im Vergleich zu den Success Stories, die ich sonst von diesem Kunden bekomme, Ungereimtheiten auf. Die Sprache las sich nicht wie flüssiges US-Englisch, Produktbenennungen waren fehlerhaft und der Text machte insgesamt den Eindruck, als wäre er das unglückliche Produkt aus ungeprüfter OCR (optischer Zeichenerkennung) und nicht korrekturgelesener MÜ (Maschinenübersetzung): Eine echte „Übelsetzung“.

Nach kurzer Recherche stieß ich dann auf den Originaltext: Ein deutscher Artikel in einer Branchenzeitschrift! Beim Querlesen des englischen und des deutschen Textes erhärtete sich der Verdacht: Die Success Story war eine punktuell gekürzte Übelsetzung des deutschen Originalartikels, die mit Sicherheit weder von einem Profi-Übersetzer noch von einem amerikanischen Muttersprachler stammte.

An diesem Punkt hielt ich inne und lauschte den beiden Scherzkeksen, die ab und zu auf meinen Schultern auftauchen:

Teufelsche: „Ei guude wie! Bass uff, mein Freund, so mache mer’s: Du hältst die Gosch un sachst kaan Piep. Du kopierst jetz den deutschen Text in des Layout von deim Kunde, des dauert 10 Minuude, un dadefür berechnest du de volle Preis von 2 Stunne Abbeit.“

Engelsche: „Morsche! Du, des kannste net mache. Des is ja Beschiss. Un aach noch geesches Urheberreschd. Wenn da schon kaa Geld ned ausgegewwe wurd für e aaständisch Iwwersetzung, ja meinste die hädde Geld für e Lizenz bezahlt? Nee, nee, des musste dem arme Mann erklärn, der waaß doch am End gar ned, in was fer em Schlamassel er stegge tut.“

Teufelsche: „Moment e mal, un uff des Geld verzischde? Gebb dem Kunde doch, was er bestellt hat: E Iwwersetzung. Wenn de den englische Text mit eischene Wordde iwwersetzt, dann isses ja net geklaut.“

Engelsche: „Awwer sischer doch! Dann hasde vielleicht geliefert, was vereinbart war – awwer der Kunde weiß immer noch net, ob des mit der Iwwersetzung ins Englische so ganz koscher war. Und wenn die erste Iwwersetzung net sauber is, dann isses die Zurück-Iwwersetzung dadevon aach net. Bei Iwwersetzunge musste immer uffbasse, dass des Reschd vom Originalautor gewahrt wurdde.“

Teufelsche: „Ach komm, mer muss ja net päpstlischer sein als de Papst. Wenn aaner fraacht: Du warst jung un hast halt des Geld gebraucht.“

Nein.“ Tatsächlich brauche ich zufriedene, rechtssicher agierende Kunden mehr als zwei oder drei schnelle Hunderter. Was ich nicht brauche, sind die Ideen, die Teufelsche so von sich gibt.

Also habe ich den Kunden angerufen. Tatsächlich stellte sich beim Telefonat heraus, dass der Kunde den deutschen Originaltext kannte, sich aber nicht bewusst war, dass er mit dem englischen Werbetext identisch war – oder dass die Qualität seiner Success Story zu wünschen übrig ließ und er damit Gefahr lief, den Werbeeffekt zunichte zu machen.

Auf meine Anregung hin lässt der Kunde jetzt nochmal prüfen, ob der deutsche Text zur Verwendung und zur Übersetzung ins Englische lizenziert ist. Sicher ist sicher. Vielleicht kann er ihn ja tatsächlich einfach in sein Layout herüberkopieren. Kann ich auf diese Weise leider nur 30 Minuten Recherche in Rechnung stellen? Ja. Aber das Gute ist: Der kommt bestimmt wieder, weil er jetzt weiß, dass ich mitdenke und zu seinem Nutzen handele. Vielleicht, weil er den englischen Werbetext nochmal in „ordentlich“ haben will. Vielleicht wegen ganz anderer Sachen. So oder so: Ich werde heute Nacht gut schlafen.

 

Habt Ihr auch ab und an bei Aufträgen Besuch von Engelsche und Teufelsche? Wie einfach ist es, das Richtige zu tun? Ich freue mich auf Eure Kommentare!

 

Christopher Köbel

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